Nach 1989 orientierte
sich die Stadtentwicklung in Dresden wieder an den historischen
Strukturen, die vor der Zerstörung 1945 das Stadtbild prägten. Vorbei
waren die Zeiten, als die engen Gassen der Innenstadt verteufelt
und stattdessen die Vorteile von Licht, Luft und Sonne angepriesen
wurden. Die neue Landeshauptstadt besann sich ihrer Vergangenheit
als sächsische Residenz. Die Altstadt sollte ihre ehemalige Gestalt
wiederbekommen; die Wilsdruffer Straße (als ein Beispiel) auf ihre
historischen Breite zurückgebaut werden.
Auch in der Inneren Neustadt verschoben sich
die Relationen. Das vorher gern gepriesene Neubauemsemble am Neustädter
Markt und auf der Straße der Befreiung wurde von den Stadtvätern
inzwischen als Bausünde verdammt; mehrere Stimmen forderten sogar
den Abriß der erst Ende der siebziger Jahre entstandenen Gebäude.
Wie zur Untermauerung dessen machten sich dann aber auch tatsächlich
Probleme an der Bausubstanz bemerkbar. Aus Sicherheitsgründen mußten
die meisten der Balkonbrüstungen entfernt werden; danach bot der
Neustädter Markt, besonders von der Brühlschen Terrasse aus gesehen,
einen ziemlich jämmerlichen Anblick. Inzwischen wurden die Fassaden
durch Ganzglasverkleidungen optisch aufgepeppt ; was langfristig
mit den Plattenbauten geschehen soll ist allerdings noch offen (s.
Foto).
In einem ersten Schritt
zur neuen Identitätsfindung wurden die Straßenumbenennungen der
sozialistischen Ära rückgängig gemacht. Dabei bewiesen die Verantwortlichen
wenig Kreativität, im wesentlichen kamen die alten Namen wieder
zum Tragen. Ein Kuriosum stellt die Rückbenennung der Rosa-Luxemburg-Straße
in Heinrichstraße dar. Da der Name Rosa Luxemburgs auch unter den
neuen Verhältnissen einen gewissen Stellenwert besitzt, vergab man
ihn erneut, und zwar für den bisher nach dem revolutionären Matrosen
Alfred Köbis benannten Platz vor der Albertbrücke, ebenfalls in
der Neustadt.
Anstelle der Hauptstraße,
mit deren DDR-Vergangenheit sich vor allem die konservativen Politiker
etwas schwer taten, rückte ein anderes Viertel in den Blickpunkt
des Interesses. Die Königstraße,
in vierzig Jahren seit Ende des Zweiten Weltkrieges in den statischen
Zustand des Dornröschenschlafes verfallen, lockte nun mit ihrem
spröden Charme aus Nostalgie und Vergänglichkeit. Viele zeigten
sich begeistert Stadtentwickler, Tourismusmanager und Investoren.
Sie alle zusammen ergriffen die Gelegenheit, hier aufzubauen, was
der Altstadt fehlte ein Hauch von Innenstadt, geprägt von
historischer Bebauung, bestimmt durch Restaurants, Banken und Hotels.
Auch die Denkmalpflege
engagierte sich. Sie forcierte die Wiederherstellung des historischen
Zustandes der Königstraße und setzte durch, daß der Asphaltbelag
durch eine Pflasterung ausgetauscht und die Straßenbäume, die inzwischen
einen stattliche Höhe erreicht hatten, von nur mannshohen Bäumchen
im Stil der Barockzeit ersetzt wurden (s.
Foto).
Was entstand, war eine Touristenmeile in
historischer Kulisse, mit Erfolg. Wohl nie hatte die Königstraße
eine solche Anziehungskraft entfaltet wie in der Gegenwart; August
der Starke, ihr geistiger Vater, wäre zufrieden.
Als ein relativ gelungenes
Beispiel der Sanierung alter Bausubstanz darf die "Bülow-Residenz"
auf der Rähnitzgasse gelten. Das seit 1978 unbewohnte Gebäude entstand
um 1730 für den Bauratsbeamten Johann Gottfried Fehre. Er ließ das
Eckhaus mit zwei gleichartig gestalteten Fassaden zur Rähnitzgasse
und zum Obergraben anlegen, ganz im Stil des Barock. Im Laufe
der Jahre verlor das Gebäude durch zahlreiche Veränderungen (vor
allem im Dach- und im Erdgeschoßbereich) viel von seiner einstigen
Wirkung. Inzwischen wurde das Äußere wieder in seine ursprüngliche
Form gebracht; neue Farbe aufgetragen und der Stuck aufgefrischt.
Doch noch ist das Bild
nicht perfekt. Nur einige Meter von der "Bülow-Residenz"
entfernt, in der Heinrichstraße, bieten die Häuser nach wie vor
einen traurigen Anblick. Viele stehen leer, und solange sich nichts
tut, schreitet ihr Verfall sichtbar weiter voran. Vor allem das
traditionsreiche Hotel
"Stadt Leipzig" an der Ecke Heinrichstraße/ Rähnitzgasse
ein imposanter Bau aus der Mitte des 19. Jahrhunderts
birgt noch einiges Entwicklungspotential für die Gegend um die Königstraße.
Auch im anderen Teil der
Inneren Neustadt, östlich von Hauptstraße und Albertstraße, sind
inzwischen Banken und Bürogebäude zu finden. Am Albertplatz, in
geographisch bester Lage, sanierte die Volksbank die Villa
Eschebach; gleich daneben wurde für die AOK ein architektonisch
ansprechender Neubau errichtet. In der Georgenstraße wird das von
Amalie Marschner gegründete Stift
des "Vereins zum Frauenschutz", heute der diakonischen
Stadtmission Dresden gehörend, stilgerecht rekonstruiert. Es soll
nach Fertigstellung der Bauarbeiten weiter caritativen Zwecken dienen.
Während ein Haus nach dem anderen im alten
Glanz wiedererstrahlt, im westlichen, wie im östlichen Teil der
Inneren Neustadt, wird die Frage immer drängender, was mit der Albertstraße
dazwischen perspektivisch geschehen soll. Als Hauptverkehrsachse
trennt sie die beiden Bereiche, darum ist im Stadtentwicklungskonzept
auch ihr Rückbau vorgesehen. Wo allerdings dann immense Durchgangsverkehr
bleiben soll, weiß noch keiner.