| Der
Weg ins industrielle Zeitalter
Im Jahre 1812 zog Napoleon
auf seinem Feldzug gegen Rußland mit seinen Truppen unter klingendem
Spiel durch die Hauptstraße; am Schwarzen Tor aus der Stadt hinaus.
Sein Rückweg, der ihn ein Jahr später wiederum durch die Neustadt
führte, gestaltete sich weniger triumphal; der russische Winter
hatte seinen Eroberungsplänen einen gewaltigen Strich durch die
Rechnung gemacht. Nachdem auch die anderen besetzten Länder erfolgreich
den französischen Imperator vertrieben (dabei hatte Sachsen, da
es als Verbündeter auf der falschen Seite stand, einen hohen Tribut
zahlen müssen), begannen friedlichere Zeiten für Mitteleuropa. In
Dresden wurden ab 1815 die Festungsanlagen abgetragen, die frei
gewordenen Flächen bebaut. Um das Kerngebiet der Inneren Neustadt
entstand so ein Gürtel mit vorwiegend lockerer Bebauung und villenartiger
Atmosphäre (s. Foto).
Die alten Stadttore
wurden beseitigt; nur das Leipziger Tor entstand als Wache neu.
Die beiden die Straße flankierenden Torhäuser
(von denen heute nur noch das nördliche steht) bestehen seit 1827/29;
ihr Architekt war der Baumeister G. F. Thormeyer.
Nördlich des Schwarzen
Tores, im Schnittpunkt der Hauptstraße und der Königstraße, wurde
1829 ein neuer Platz in Form eines Rondells angelegt. Auf den Bautzner
Platz seit 1871 Albertplatz laufen außer den beiden
bereits genannten Straßen sieben weitere zu. Während die Hauptstraße
in der Mittelachse durchläuft, münden alle anderen Straßen in einen
um den Platz verlaufenden Ring (heute führt der gesamte Verkehr
um den Albertplatz herum; die Mitte bleibt den Straßenbahnen und
Fußgängern vorbehalten).
Wurden in der Zeit
des Biedermeier (etwa Anfang des 19. Jahrhunderts) Bescheidenheit
und Demut noch als Tugenden gepflegt, so verlief die gesellschaftliche
Entwicklung bald in anderen Bahnen. Die Erfindung der Dampfmaschine
und der Bau der ersten Eisenbahnen führten zu einer zunehmenden
Industrialisierung; Fabriken entstanden. Aus selbstständigen Handwerkern
wurden angestellte Arbeiter, die in Lohnarbeit beschäftigt waren.
Aus den sich immer stärker ausprägenden Klassenunterschieden erwuchs
eine immer größere Unzufriedenheit, die 1849 in Dresden zum sogenannten
"Maiaufstand" führte. Schauplatz der blutigen Barrikadenkämpfe
waren die Straßen der Altstadt, auf der anderen Elbseite. Die Neustadt
war nur insofern von den Ereignissen betroffen, als hier die Kasernen
lagen, aus denen das bewaffnete Militär zur Niederschlagung des
Aufstandes ausrückte.
Ab Mitte
des 19. Jahrhunderts begann der Bau weiterer Elbbrücken. Die Augustusbrücke
so genannt seit ihrer Erweiterung 17271731 bot
lange Zeit die einzige Möglichkeit zur Überquerung der Elbe. 1852
kam westlich die Marienbrücke hinzu (bis 1901 als kombinierte Straßenbrücke,
s. Kapitel Neustädter Bahnhof). Flußaufwärts entstand 18751877
zur Erschließung der östlichen Vorstädte Dresdens die Albertbrücke.
Als letzte im Innenstadtbereich von Dresden verband seit 1895 die
Carolabrücke die beiden
Elbseiten. Alle diese Brücken wurden in gleichartiger Weise mit
Sandsteinbögen ausgeführt; die Anzahl der Bögen variiert zwischen
neun (Carolabrücke) und vierzehn (Albertbrücke). Die Brückenköpfe
erhielten eine aufwendige Gestaltung; entlang der Elbe wurden sie
auf Neustädter Seite durch einen Grüngürtel miteinander verbunden
(dessen Fertigstellung aber noch bis in die dreißiger Jahre des
20. Jahrunderts andauerte).
Mit dem Bau
der Carolabrücke entstand gleichzeitig eine neue Verbindung zum
Albertplatz, die Albertstraße. Neben der Hauptstraße und der Königstraße
ist sie die dritte bedeutende Achse der Inneren Neustadt. Sie führt
im wesentlichen über das alte Kasernengelände, daß seit Verlegung
des Militärs in die neue Albertstadt (s. Kapitel Militär in der
Geschichte der Äußeren Neustadt) brachlag. Entlang der Albertstraße
wurden gründerzeitliche Wohn- und Geschäftshäuser errichtet, ebenso
im nördlichen Teil der Hauptstraße. An der Ritterstraße zwischen
Hauptstraße und Albertstraße entstand kurz vor der Jahrhundertwende
die Markthalle, eine
von ehemals drei in Dresden.
Wo
die Hauptstraße auf den Albertplatz trifft, befand sich seit 1851
an der Ostseite die katholische
Neustädter Kirche, deren Doppeltürme wie bei der Dreikönigskirche
an der straßenabgewandten Rückfront errichtet wurden. Der
Bau brannte 1945 aus; an seiner Stelle existiert heute eine Grünanlage
(vor dem Café "Goldener Löwe").
Ende des 19. Jahrhunderts
waren alle Straßen der Inneren Neustadt mit einer Gasbeleuchtung
ausgestattet worden (bereits seit 1750 brannten Laternen auf der
Hauptstraße). Die verkehrsmäßige Erschließung wurde verbessert.
Zuerst verkehrte die Pferdebahn von der Augustusbrücke kommend
durch die Hauptstraße; später die elektrische Straßenbahn.
An der Heinrichstraße zweigte eine weitere Strecke Richtung Radebeul
ab; die Schienen liegen, obwohl seit Jahrzehnten außer Betrieb,
noch immer im Pflaster. Vom Albertplatz aus wurden auch entlang
der Albertstraße Richtung Carolabrücke Gleise verlegt. Diese Route
stellt heute die wichtigste Verbindung zur Altstadt her.
Um 1900 betrug die
Zahl der Einwohner der Inneren Neustadt etwa 9000. Die meisten von
ihnen waren Beamte oder Akademiker, die Zahl der Arbeiterfamilien
relativ gering. Auch Industrie war wenig vorhanden, einzig die kleinen
Handwerksbetriebe in den Höfen hatten sich erhalten. Die Innere
Neustadt war ein Teil des Stadtzentrums von Dresden geworden.
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