Geschichte >>> Die Geschichte der Äußeren Neustadt

Alltag unterm Hakenkreuz

1933 begann das traurigste Kapitel in der deutschen Geschichte, das "Tausendjährige Reich". Es endete nach nur zwölf Jahren mit dem vollständigen Zusammenbruch. Große Teile der Bevölkerung versprachen sich mit der Wahl Hitlers zum Reichskanzler eine Besserung der wirtschaftlichen Situation; viele huldigten dem neuen Regime (so auch in einer Massenkundgebung am 1. Mai 1933 auf dem Alaunplatz).

Nicht alle jedoch stimmten in den Jubel ein. Vor allem Sozialdemokraten und Kommunisten warnten vor der Gefahr, die von den neuen Machthabern ausging. Sie waren die ersten, die die Härte des nationalsozialistischen Systems zu spüren bekamen. In wilden KZ’s (in Dresden z.B. im "Keglerheim" in der Friedrichstadt) folterten die Nazis ihre politischen Gegner, etliche wurden dadurch mundtot gemacht, andere starben. Der kommunistische Schauspieler und Revolutionär Hans Otto zählte zu den ersten Opfern. Er wurde am 24. November 1933 von den Faschisten ermordet; an seinem Geburtshaus in der Frühlingsstraße 12 erinnert heute eine Gedenktafel. Einige konnten vor der Verfolgung ins Ausland fliehen, wie der spätexpressionistische Dichter Jakob Haringer, der 1898 in der Markgrafenstraße 16 (heute Rothenburger Straße) das Licht der Welt erblickte (sein Gedicht "Malwina" wurde zum Namensgeber für den heute in der Louisenstraße 48 ansässigen sozio-kulturellen Verein).

Auch andere Gruppierungen wurden unter Druck gesetzt. Dazu gehörte der Bund der "Freimaurer" – eine im 18. Jahrhundert in England entstandene liberalistische Vereinigung, die weltweit agierte und deren Mitglieder zum großen Teil aus einflußreiche Persönlichkeiten in Politik und Wirtschaft bestanden. Ihre Verbände wurden in Logen zusammengefaßt, auch in der Neustadt existierte solch eine. Das Gebäude (erbaut 1868) steht noch heute, an der Bautzner Straße 19. Nach der Zwangsumbennenung in "Christlicher Orden" erfolgte bis Mitte der 30er Jahre die Auflösung der Bünde. Die Freimaurerloge an der Bautzner Straße wurde der benachbarten Thiele-AG (siehe Kapitel Handwerk und Gewerbe) zugeschlagen; nach dem Krieg als Sozial- und Verwaltungstrakt genutzt.

Der Machtapparat richtete sich ein: die NSDAP besaß zwei Ortsgruppenverbände in der Äußeren Neustadt, "Markgraf" mit Sitz an der Königsbrücker Straße 22 und "Alaunplatz" am Bischofsweg 6. Die Schule in der Jordanstraße wurde zum Heim der "Hitlerjugend", vor der Gaststätte "Nordpol" traf sich die HJ zu Panzerfaustübungen in der Dresdner Heide. Weitere Dienststellen des NS-Systems kamen hinzu, so von der "Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt", dem "Nationalsozialistischen Lehrerbund", dem "Reichsluftschutzbund" und dem "Reichsarbeitsdienst". Der RAD – so die Kurzbezeichnung – diente nach 1933 zur Beschäftigung der zahlreichen Arbeitslosen. Als ein Resultat dieser "Arbeitsbeschaffungsmaßnahme" entstand der Rosengarten an der Elbe, eine an sich gelungene Parkanlage.

Juden war der Zutritt zum Rosengarten verboten. Sie wurden zur Hauptzielgruppe des nationalsozialistischen Hasses. Auch in der Äußeren Neustadt gab es jüdische Geschäfte, in der Alaunstraße u.a. "Schuh-Tradel" in der Nummer 53, "Wurst-Scherber" und "Kino-Wolf" an der Ecke Böhmische Straße sowie in der Louisenstraße 53 "Zigaretten-Frischmann". Schon bald nach der Machtübernahme setzte ein massiver Boykott ein, der nach der "Kristallnacht" 1938 zu regelrechten Progromen gegenüber der jüdischen Bevölkerung ausartete. Viele der Dresdner Juden wurden später in den Vernichtungslagern umgebracht, sie kamen zum Abtransport vorher in ein Sammellager auf dem Heller.

Ab 1935 begannen die Vorbereitungen auf den folgenden Krieg. Keller wurden zu Luftschutzräumen umgebaut; der Schriftzug "LSR" als Hinweis an der Außenfassade war noch bis Mitte der neunziger Jahre an einigen Häusern lesbar (heute noch an der Wolfsgasse 7). Die Keller erhielten Durchbrüche zu den Nachbargebäuden (auch diese sind entweder noch vorhanden, oder zugemauert erkennbar).

Von der Architektur des "Dritten Reiches" blieb die Äußere Neustadt weitgehend verschont. Nur die bis 1938 entstandene Wohnsiedlung an der Timaeusstraße (auf dem Gelände der ehemaligen Schokoladenfabrik Jordan & Timaeus) verkörpert auf versteckte Weise die von den Nazis propagierten Auffassungen. Zum einen entstanden mit dem "Heimatstil" wieder die traditionellen Satteldächer (zehn Jahre vorher hätten diese Häuser mit ziemlicher Sicherheit Flachdächer erhalten, wie die Wohnsiedlung Trachenberge). Zum anderen ist sie ein Beispiel für den geringschätzigen Umgang der Nazis mit vorhandenen Strukturen – die Timaeusstraße, mit ihren Vorgärten und vielem Grün will sich bis zum heutigen Tage nicht so recht in das Bild der Äußeren Neustadt einfügen, sie paßt eher an den Stadtrand.

Spätestens mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 wuchs der Widerstand gegen Hitler. Die noch im Untergrund arbeitenden Kommunisten trafen sich z.B. in der Gaststätte "Hackepeter" oder in der "Papageienschänke" (beide Bischofsweg 76). Die Buchhandlung Nestler auf der Bautzner Straße 27 galt ebenfalls als geheimer Treffpunkt des Widerstands; den Besitzern konnte die Gestapo trotz mehrfacher Versuche ihre Aktivitäten nie nachweisen.

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