Geschichte >>> Die Geschichte der Äußeren Neustadt

Erich Kästner und die Neustadt

1931 erschien ein Film in den deutschen Kinos, der Erich Kästner einem breiten Publikum bekannt machten sollte: "Emil und die Detektive". Dieses frühe Meisterwerk, gedreht von Billy Wilder, schildert die Abenteuer einer Gruppe Kinder auf der Suche nach einem Ganoven, der schließlich von ihnen dingfest gemacht wird. Die Ereignisse spielen in der Großstadt Berlin. Ihren Ausgangspunkt nahmen sie jedoch in Dresden, in der Antonstadt, zwanzig Jahre zuvor.

Hier wurde der Schriftsteller am 23. Februar 1899 geboren. Seine Mutter Ida, eine geborene Augustin, entstammte einer traditionsreichen Fleischerfamilie, die dieses Handwerk auch in den nachfolgenden Generationen betrieb. Kästner wunderte sich später darüber, daß er als einziger der Familie eine intellektuelle Laufbahn eingeschlagen hat; vermutlich wußte er nichts von seinem leiblichen Vater, dem Sanitätsrat Dr. Emil Zimmermann aus dem Preußischen Viertel. Sein standesamtlich beurkundeter Vater war der Sattlermeister Emil Kästner.

Erich Kästner absolvierte nach seiner Schulzeit eine Ausbildung als Lehrer. Arbeiten tat er in diesem Beruf aber nicht, ihm lag das Lernen mehr als das Lehren. Nach seinem Militärdienst 1917/18 begann er Germanistik zu studieren. 1925 zum Doktor der Philosophie promoviert, erfolgte nach zwei Jahren Redakteurstätigkeit bei der "Leipziger Volkszeitung" der Wechsel nach Berlin. Bereits 1928, mit Erscheinen von "Emil und die Detektive", wurde der noch nicht einmal dreißigjährige Kästner zum gefeierten Autor. In späteren Jahren entstanden neben zahlreichen Gedichtbänden und Romanen für die Erwachsenen noch weitere Kinderbücher, so "Pünktchen und Anton" (1931) und "Das doppelte Lottchen" von 1949. In ihnen allen verarbeitet Kästner Anekdoten seiner eigenen Biographie. In seinen 1957 veröffentlichten Memoiren "Als ich ein kleiner Junge war" beschreibt er die Kindheit in der Antonstadt:

Die Familie Kästner wohnte auf der Königsbrücker Straße 66 (hier befindet sich heute eine Gedenktafel). Später erfolgte der Umzug zur Königsbrücker Straße 48, noch später zur Königsbrücker Straße 38. Die Augustins, die Familien seiner beiden Onkels, lebten im Hechtviertel einander gegenüber, die eine in der Hechtstraße Nummer 29 die andere in der Nummer 30. Sie betrieben anfangs jeweils eigene Fleischerläden im Erdgeschoß ihrer Häuser (ein Onkel brachte es durch den Handel mit Pferden später zu einigem Wohlstand und zog in die Villa Antonstraße 1).

Erich Kästner ging in die IV. Bürgerschule in der Tieckstraße. Sein täglicher Schulweg führte ihn durch die Königsbrücker Straße über den Albertplatz in die Glacisstraße, von der die Tieckstraße abzweigte. Die Schule befand sich hinter der Kreuzung mit der Kurfürstenstraße, auf der rechten Seite. Im Alter von sechs Jahren trat er dem Neustädter Turn- und Sportverein bei. Die Turnhallen des Vereins befanden sich in der Alaunstraße 40. Sie wurden 1945 zerstört; nach dem Krieg entstand an deren Stelle die "Scheune".

Der junge Kästner "..unterstützte, am Bischofsplatz, die Königsbrücker Bande gegen die gefürchtete Hechtbande, eine Horde kampflustiger Flegel aus der Hechtstraße" – so in seinen Erinnerungen. Hatten seine Eltern etwas zu feiern, ging er Bier holen in der Restauration "Sybillenort", Königsbrücker Ecke Jordanstraße, sie existiert noch heute (der Name erinnert an den Sterbeort König Alberts). Blumen wurden bei der "klitzekleinen Frau Stammnitz" in der Louisenstraße, gegenüber der Feuerwache gekauft (den Blumenladen gibt es wieder, die alte Firmeninschrift ist noch zu lesen).

Kästner besuchte während seiner Lehrerausbildung das "Fletchersche Lehrerseminar" auf der Marienallee (heute die 1. Mittelschule "Freiherr von Fletcher"). Im Ersten Weltkrieg diente er in den Kasernen der Albertstadt.

Zurück zu "Emil und die Detektive": der junge Erich verfolgte einmal eine Betrügerin von der Neustadt bis zum Altmarkt; sie war seiner Mutter, die als Friseuse in Heimarbeit beschäftigt war, den vereinbarten Lohn schuldig geblieben. Dank der Hartnäckigkeit des Sohnes wurde die Übeltäterin schließlich überführt; der Vorfall lieferte später die Idee zu dem erfolgreichen Roman.

Seine tatsächlich erlebten Kinderjahre waren mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges endgültig vorbei, die literarisch umgesetzten fanden ihr (vorläufiges) Ende mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Kästners Bücher wurden verbrannt, er selbst galt als verfemter Künstler. Unter verschiedenen Pseudonymen erschienen neue Werke von ihm, meist jedoch im Ausland. Nach dem Krieg ließ sich Erich Kästner in München nieder, hier lebte er bis zu seinem Tod im Jahre 1974. Seine Heimatstadt besuchte er nur noch, um festzustellen, "...die Stadt Dresden gibt es nicht mehr. Sie ist, bis auf einige Reste, vom Erdboden verschwunden..." (zu diesen Resten gehören jedoch die meisten Orte seiner Kindheit).

Außer der Tafel am Geburtshaus erinnert an den großen "kleinen" Schriftsteller (er maß 1,68 Meter) seit Ende der 80er Jahre das Denkmal am Albertplatz, vor dem Café Kästner (neuerdings und zeitgemäß: "Kästner’s"). Doch noch einmal zurück zu "Emil und die Detektive": Die Bäckersfrau Wirth aus dem ersten Kapitel des Buches existierte tatsächlich; ihr gehörte die heutige Bäckerei Rißmann an der Ecke Königsbrücker Straße/ Louisenstraße.

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