Geschichte >>> Die Geschichte der Äußeren Neustadt

Der Stadtteil in den zwanziger Jahren

Das Ende des Ersten Weltkrieges bedeutete auch das Ende der Monarchie. Der deutsche Kaiser mußte gehen und auch der König von Sachsen. Die ersten Jahre der Weimarer Republik waren gekennzeichnet durch wirtschaftliche Armut und politische Unruhen. Die Inflationsrate erreichte Rekordhöhen und die Sorge um das tägliche Brot wurde zur Hauptbeschäftigung der Bevölkerung – auch in der Äußeren Neustadt. Eine allmähliche Besserung setzte erst nach 1923 ein. Mit dem ökonomischen Aufschwung wurde auch der kulturelle Wandel deutlich, der sich inzwischen vollzogen hatte. Weg von den kleinbürgerlichen Idealen der Kaiserzeit entstanden neue Ausdrucksformen im Bauwesen, in der Kunst und Kultur.

Die Theater erlebten wieder steigende Besucherzahlen. Neben dem Alberttheater am Albertplatz – es entstand 1871/73 und war bis zu seiner Zerstörung 1945 eines der bedeutendsten Spielstätten in Dresden – existierten mehrere kleinere Theater in der Äußeren Neustadt. Genannt werden soll hier an erster Stelle "Tymians Thalia Theater" (Thalia - die Muse des Lichtspiels). Emil Winter-Tymian übernahm im Jahre 1911 die bereits 1896 als "Apollo-Volks-Theater" eröffnete Bühne auf der Görlitzer Straße 4-6. Hier traten verschiedene Unterhaltungskünstler auf, unter anderem der Besitzer selbst. In den zwanziger Jahren entwickelte sich das "TTT" zum bekanntesten sächsischen Volkstheater. Heutzutage erinnert an Emil Winter-Tymian ein Gedenkstein an der Fassade des Gebäudes Louisenstraße 55.

Nicht weit vom Thalia-Theater entfernt, etablierte sich im Vorderhaus der Görlitzer Straße 18 um 1890 "Apels Marionettentheater". Im Hof entstand zur Jahrhundertwende zusätzlich eines der ersten Lichtspielhäuser der Neustadt, die "Weiße Wand". In rascher Folge kamen weitere hinzu, mitunter wurden vorhandene Theater für das neue Medium Film umgenutzt. Bedeutung erlangten neben der "Weißen Wand" (ab 1912 "Hansa-Lichtspiele") das "Cosmos" in der Alaunstraße 28 sowie das "TB – Theater am Bischofsplatz". Mit der Einführung des Tonfilmes Mitte der zwanziger Jahre erreichte die Kinotechnik eine neue Qualität. 1928 wurde die Schauburg eröffnet, der erste große Filmpalast in der Neustadt. Hier werden auch heute noch Filme gezeigt; vor wenigen Jahren erfolgte sogar noch der Einbau weiterer Kinosäle. Zu DDR-Zeiten diente die Schauburg auch anderen Veranstaltungen, so z.B. der "Jugendweihe". 1945 fand hier außerdem die Gründungsversammlung des FDGB Sachsen statt.

Eine andere Epoche ging indessen durch das aufkommende Kino mehr und mehr dem Ende entgegen – die der Ballhäuser. Das Tanzvergnügen gehörte einst für viele zum festen Bestandteil des Wochenendes. In der Äußeren Neustadt ging man dazu z.B. in das "Orpheum" auf der Kamenzer Straße. In den dreißiger Jahren wegen Lärmbelästigung der Anwohner (!) geschlossen, bezog ein Klavierbauer ("Piano-Thierbach") die Räume und rettete sie so vor dem Verfall. Seit kurzem befindet sich ein Architekturbüro im ehemaligen "Orpheum", dessen alte Pracht von den neuen Eigentümern wiederhergestellt wurde (wofür allerdings bleibt fraglich). Ein weiterer Ballsaal befand sich an der Ecke Königsbrücker Straße/ Bischofsweg – "Damm’s Etablissement". 1869-1873 erbaut, trug es später die Namen "Reichsadler", "Reichskrone" und "Reichsbanner". Nach 1945 wurde daraus das "Aktiv" – in den letzten Jahren als Turnhalle genutzt. Als der bauliche Zustand immer bedenklicher wurde, erfolgte die Schließung ; nach der "Wende" richtete sich hier ein Möbelhändler ein. 1993 kaufte ein Investor das "Aktiv" und riß es kurz danach unter großen Protesten der Neustädter Bevölkerung zugunsten neuer Bürogebäude ab.

Doch zurück in die zwanziger Jahre. Außer den neuerrichteten Häusern an der Bischofswerdaer Straße tat sich baulich recht wenig in der Äußeren Neustadt (vgl. Stadtplan von 1928). 1929 entstand das Hochhaus am Albertplatz – nach New Yorker Vorbild (1945 raste – ebenfalls nach New Yorker Vorbild, dort traf es das Empire State Building – ein Militärflugzeug in das Gebäude). Mit seinen 11 Stockwerken stieß es anfangs auf energischen Widerspruch in der Dresdner Bevölkerung, die damit ihre Stadtsilhouette verschandelt sah. Erster Mieter war die Sächsische Bank, nach dem Zweiten Weltkrieg fanden die Dresdner Verkehrsbetriebe hier ihr Domizil. Diese zogen 1997 aus, seitdem steht der Bau leer.

Mit dem großen Börsenkrach von 1929 waren auch die "Goldenen Zwanziger" nach nur fünf Jahren wieder vorbei. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten führten zu schärfer geführten Auseinandersetzungen in der Politik. Die Äußere Neustadt besaß zu der Zeit einen Anteil von etwa 40 Prozent Arbeitern, 19 Prozent Beamten und Akademikern und 21 Prozent Handwerkern. Jede der drei großen Parteien (SPD, KPD und NSDAP) suchte ihre Wählerschaft im Viertel und hatte bevorzugte Stammlokale. Die Kommunisten und Sozialdemokraten versammelten sich u.a. im "Sängerheim" (Alaunstraße 80, später die "Konzertklause"), im Kamenzer Hof (Kamenzer Straße 44) oder im "Görlitzer Garten" (Görlitzer Straße 20). Die Nationalsozialisten trafen sich im "Antonstädter Kasino" (Louisenstraße/ Ecke Talstraße) oder in Hollack’s Gaststätten (Königsbrücker Straße 10). Die linken Parteien konnten sich lange behaupten; die Reichstagswahlen 1932 ergaben in der Neustadt noch fast das doppelte an Stimmen für SPD und KPD gegenüber der NSDAP.

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