Geschichte >>> Die Geschichte der Äußeren Neustadt

Herausbildung von Handwerk und Gewerbe

Der Königliche Holzhof und die Alaunflußsiederei – zusammen mit den ersten Häusern entstanden – bildeten den Ursprung von Handwerk und Gewerbe in der Äußeren Neustadt. Das gehandelte Holz diente vor allem dem Wiederaufbau der 1685 abgebrannten Residenzstadt, wahrscheinlich fand es aber auch bei den Bauten des "Neuen Anbaus" Verwendung. Der Holzhof verschwand spätestens zur Gründerzeit, als sein Gelände neu bebaut wurde. Die einst von Wald umgebene Alaunflußsiederei befand sich (bis zur Vereinnahmung der Fläche durch das Militär) an Stelle des später angelegten Alaunplatzes, genauer gesagt an dessen Westseite. Dort wurde das in der Natur gewonnene Alaun zur Verwendung als Färbemittel weiterverarbeitet.

1823 eröffneten Jordan & Timaeus die älteste Schokoladenfabrik Deutschlands; sie entstand auf einem Areal westlich der oberen Alaunstraße. Das traditionsreiche Unternehmen besteht nicht mehr; die alten Fabrikanlagen wurden in den dreißiger Jahren abgerissen und durch Wohnbauten ersetzt. An die beiden Gründer erinnern heutzutage die Jordan- und die Timaeusstraße (die alte Fabrikanten-Villa existiert ebenfalls noch – im Hof der Alaunstraße 71).

Südlich der Böhmischen Straße befand sich die von Heinrich Erdmann Thiele im Jahre 1838 gegründete Treibriemenfabrik. Ständig erweitert und modernisiert, wurde hier auch zu DDR-Zeiten ("VEB Plast- und Lederverarbeitung") produziert. 1993 dienten die inzwischen stillgelegten Hallen der "Lederfabrik" als Veranstaltungsort des Neustadtfestes. Kurz danach fand der Abriß der alten Anlagen statt, die einem neuen Komplex aus Büro- und Wohngebäuden weichen mußten.

Eine zweite Schokoladenfabrik etablierte sich 1886 am Dammweg/ Ecke Eschenstraße. Ihr Gründer, Richard Selbmann, ist im Treppenhaus der Schönbrunnstraße 5 mit einer Gedenkplatte verewigt (vermutlich war er auch der Hauseigentümer). Das Fabrikgebäude wird heute für andere Zwecke genutzt; es beherbergt u.a. eine Kneipe, das "Flower Power".

Aus einem kleinen Milchladen in der Waldgasse (Görlitzer Straße) entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts die größte Molkerei Sachsens. Paul Pfund, der Besitzer des Ladens, hatte den Einfall, sechs seiner Kühe ins Schaufenster zu stellen und den Kunden wählen zu lassen, von welcher Kuh er die Milch haben möchte. Die Idee beeindruckte, und bald konnte Pfunds Molkerei weitere Zweigstellen eröffnen (nebenbei stellte die Firma Pfund die erste Kondensmilch in Deutschland her). 1892 wechselte der Stammsitz des Betriebes auf die Bautzner Straße 79; das Grundstück erstreckte sich bis zur Prießnitzstraße. Hier entstand der "schönste Milchladen der Welt", der alle Zeiten überdauerte, und heute nach seiner Restaurierung wieder im alten Glanz erstrahlt.

Die Chlorodont-Werke bezogen 1917 eine neues Gelände an der Königsbrücker Straße/ Katharinenstraße. Von hier aus ging die bekannte Zahncreme in alle Welt. Nach 1945 entstand daraus der "VEB Elbe-Chemie", Alleinhersteller für die Belange der Zahn- und Mundhygiene in der DDR. Nach 1989 schrumpfte der Betrieb zusammen, Teile der Gebäude wurden Fremdfirmen überlassen und auf andere Weise genutzt. Unter der Bezeichnung "Dental-Kosmetik" blieb der Kern des Unternehmens aber erhalten und startete einen Neuanfang auf dem freien Markt.

Mehr noch als die großen Betriebe spielte das mittelständige Handwerk eine Rolle in der Äußeren Neustadt. Auf vielen Hinterhöfen finden sich noch heute Werkstattgebäude, die alle Arten von Gewerbe beherbergten. Dazu gehörten Tischler, Schneider, Schuster, Maler, Fotografen, um nur einige der vertretenen Branchen zu nennen. Erwähnung sollen auch die ehemaligen Seilereien auf den Grundstücken Prießnitzstraße 33-37 finden (die langgezogenen schmalen Schuppen, in denen die Seile gedreht wurden, sind teilweise noch vorhanden und werden heute als Gartenlauben oder Geräteräume genutzt). Mitunter dienten die Läden im Vorderhaus gleich dem Verkauf der hergestellten Waren.

Viele der Kleinbetriebe existieren nicht mehr; die meisten schlossen zu DDR-Zeiten. Von denen, die unter sozialistischen Produktionsverhältnissen weiter produzierten, wurde ein Teil zu "Produktionsgenossenschaften des Handwerks – PGH". Der andere Teil – in privater Hand geblieben – hat nun, trotz des Wegfalls der restriktiven Vorgaben der Planwirtschaft, mit der wachsenden Konkurrenz zu kämpfen. Dies trifft in besonderem Maße auf die Einzelhandelsgeschäfte zu. Diese Läden, ob nun privat, HO oder Konsum, überdauerten in der Mehrzahl bis zur "Wende" 1989. Sehr schnell setzte dann aber ihr Sterben ein. Ursache waren die in rascher Folge auf der grünen Wiese entstandenen Einkaufsmärkte, die durch ihre billigeren Preisangebote mehr und mehr Kunden weglockten.

Nachdem kaum noch ein Geschäft existierte, setzte ab Mitte der 90er Jahre eine Rückbesinnung ein; man erkannte den Wert der Einkaufsmöglichkeiten im Viertel als Identifikations- und kommunikativen Treffpunkt (z. B. Eisen-Feustel auf der Bautzner Straße). Neben den alteingesessenen Geschäften, die unter größten Mühen die Durststrecke überwanden (hervorzuheben ist hier die Lebensmittelhandlung Otto auf der Schönfelder Straße), entstanden neue, wie der Laden neben dem "Hol Fix" auf dem Bischofsweg. Auch die Vietnamesen mit ihren Obst- und Gemüsegeschäften reaktivierten einen Teil der Einkaufskultur in der Neustadt.

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