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Tante
Emma heißt Seidel
von
Falk Hensel
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Laden läuft. Sonst wäre sie ja nicht mehr hier. Die
Verkäuferin des Lebensmittelgeschäftes auf dem Bischofsweg
32 will ihren Namen nicht preisgeben: "Nein für so
etwas bin ich eigentlich nicht." Also wird sie hier einfach
Frau O. genannt. Sie unterhält sich ein wenig unwillig,
obwohl man für sie doch eine willkommene Abwechslung sein
müsste. |
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Hinter
ihrer kleinen Kasse vor dem Regal mit Zigaretten und Schoko-Riegeln
wirkt sie immer etwas verlassen. Sie sieht einen aus strahlend hellen
Augen an, die von zuviel Schminke umgeben sind. Wenn man ihren Laden
betritt, ist man meist der einzige Kunde. Auch an diesem Nachmittag
mitten in der Woche ist das zunächst so. Trotzdem wird Frau
O. ungeduldig, wenn man kurz überlegt. Es wirkt, als hätte
man sie bei einer sehr wichtigen Arbeit unterbrochen.
Dann
kommt doch noch Kundschaft. Eine junge Frau mit Kind, die gestresst
wirkt, kauft eine Büchse Cola und vier Flaschen Radeberger.
Sie komme öfter mal "runter", wesentliche Einkäufe
macht sie aber woanders. Hier sei es ja nicht gerade billig. Eine
andere junge Frau, ganz in schwarz, kauft ein paar Lebensmittel,
zahlt, ohne mit Frau O. zu reden. Nach einer halben Minute kommt
sie noch einmal. Sie hat Zigaretten vergessen. Wenn es nach Frau
O. gehen würde, sollten die Glimmstengel ruhig noch teurer
werden. Nichtraucher wie sie würden "das" ja alles
mitfinanzieren. Der Verkauf von Tabakwaren und Getränken macht
einen hohen Anteil ihres Umsatzes aus. Gerade an den wenigen Sonnentagen
dieses Sommers kommen Jugendliche vom Alaunplatz herüber, um
ein paar Bier zu holen. Gegenüber anderen Jahren würde
aber insgesamt weniger gekauft.
Die
Kunden von Frau O. sind vorwiegend Stammkunden. Insbesondere ältere
Leute aus der näheren Umgebung kommen regelmäßig
vorbei. Früher hatte es auf dem Bischofsweg 30 einen HO-Laden
gegeben. Die rüstige Oma, die trotz einiger körperlicher
Anstrengung fast täglich mit dem Weidenkorb ihre Einkäufe
macht, dürfte inzwischen aber seltener geworden sein. Die Zusammensetzung
der Bevölkerung der Neustadt hat sich in den letzten Jahren
erheblich geändert. Der Altersdurchschnitt liegt sicher weit
unter dem anderer Stadtteile.
Der
Laden, in dem Frau O. arbeitet, befindet sich in einem größeren
Raum. Regale und Kühltruhen reihen sich an den vier Wänden
entlang. In der Mitte steht ein Regal, das von beiden Seiten bestückt
ist. Das Angebot entspricht dem vieler kleiner Lebensmittelgeschäfte.
Es gibt jede Menge Getränke, eine übersichtliche Anzahl
von Lebensmitteln, ein paar Fertiggerichte, Molkereiprodukte (hinter
dem Rollo), Süßwaren und so weiter. Auffällig ist
eine beachtliche Anzahl an Gewürzen in Nachfüllpackungen.
Draußen vor der Tür gibt es einen Aufsteller mit frischem
Obst.
Frau
O. war schon im alten Laden, einer Weinhandlung zwei Häuser
weiter, mit dabei, und ist es im neuen von Anfang an. Als sie davon
erzählt, wird ihr Stolz sichtbar. Trotzdem ist sie nicht der
Typ, der sich länger mit Kunden unterhält.
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Frau
Seidel in ihrem Laden
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Das
ist bei Brigitte Seidel ganz anders. Ihr kleiner Lebensmittelladen
an der Ecke Nord-/ Frühlingstrasse ist auch Kommunikationszentrum
für die nähere Umgebung. Frau Seidel ist um die fünfzig.
Sie trägt eigentlich immer eine weiße Kittelschürze.
Wenn sie beim Reden kurz nachdenkt, schiebt sie ihre Brille mit
der Nase nach oben. Sie kann herzlich lachen, aber auch deftig laut
werden, wenn sie etwas aufregt. Die jeweilige Stimmung merkt man
auch ihrer Stimme an. Kurz vor Ladenschluss um 18 Uhr kommt eine
junge Frau in blauem Sommerkleid und Sandalen. Sie ist Schwester
im Krankenhaus Neustadt. Sie gibt Leergut ab und kauft ein paar
Lebensmittel sowie zwei Flaschen Sekt für eine kleinere Feier.
Neben der üblichen Konversation zwischen Kunde und Verkäufer
werden ein paar Neuigkeiten ausgetauscht. Als es sechs ist, kommt
noch ein Mann, der einen Kasten Mineralwasser mitnimmt. Brigitte
Seidel hat in ihrem Laden schon bessere Zeiten erlebt, zumindest
was die Verkäufe angeht.
Eine
Ursache für das langsame Aussterben der Tante-Emma-Läden
ist oft die hohe Miete bei geringem Eigenkapital der Besitzer. Es
gehört schon einiger Mut dazu, heute ein solches Geschäft
zu eröffnen. Dadurch wird irgendwann der Nachwuchs fehlen.
Ausbilden können die Kleinen nicht. Die Besitzer solcher Handlungen
sind meist auch diejenigen, die verkaufen.
Einen
Weg diesem Trend entgegen ist Brigitte Seidel gegangen. Sie war
jahrelang bei Dieter Lux, dem vorherigen Besitzer, angestellt. Damals
arbeitete sie im Wechsel eine Woche voll und eine Woche halbtags.
Zu dieser Zeit gab es über den Schaufenstern noch den Schriftzug
"D. Lux", der keine besonders exquisiten Waren versprechen
sollte, sondern einfach der Name des Inhabers war. Der Chef sorgte
für den Einkauf der Ware, schaffte sie mit der Sackkarre in
das kleine Lager und stapelte sie. Frau Lux sorgte jeden Tag für
frischen Kartoffel- und Nudelsalat. Beide haben sich jetzt zur Ruhe
gesetzt. Also erledigt Frau Seidel die Arbeiten. Zum Ladenschluss
kommt Herr Seidel. Er kann seine Frau nur bedingt unterstützen,
da er immer noch Schmerzen im Rücken hat. Er war deshalb schon
längere Zeit im Krankenhaus. In dieser Zeit musste sich Brigitte
Seidel auch noch allein um die inzwischen sechzehnjährige Tochter
kümmern.
Der
Laden besteht aus einem großen Verkaufsraum. Bevor er mit
der neuen Besitzerin öffnete, wurde erst einmal renoviert und
umgeräumt. Im Gegensatz zu vorher wirkt jetzt alles übersichtlicher.
In der Mitte des Raumes stehen die Getränke. Ein paar Regale
an den Wänden und eine große Theke mit Regalen und Frau
Seidel dahinter. Neben dem gängigen Angebot eines Tante-Emma-Ladens
gibt es hier auch Zeitungen und Zeitschriften, Fahrkarten und Briefmarken.
Die Inhaberin weiß, dass so etwas den Leuten Wege abnimmt
und sie dadurch ans Geschäft binden kann. Angeschlossen ist
ein kleiner Vorraum, der als Lager dient. Nebenan im Erdgeschoss
wohnt Familie Seidel. Wer im Haus wohnt, genießt das Privileg,
den Laden durch die hintere Tür verlassen zu dürfen.
Brigitte
Seidel bindet ihre Kundschaft nicht nur durch besondere Angebote
wie Briefmarken oder ähnliches. Wer eine Wohnung in der allernächsten
Umgebung sucht, wendet sich am besten an sie. Wer etwas zu verkaufen
hat oder etwas sucht, kann mit ihrer Zustimmung einen Aushang im
Laden anbringen. Wird man von spätem Besuch überrascht,
kann man höflich bei ihr klingeln und bekommt dann meistens
das gewünschte. Mario, der im Haus wohnt, vergisst oft, sich
rechtzeitig eine neue Fernsehzeitung zu holen. Also steckt Frau
Seidel sie ihm in den Briefkasten. Wenn die jungen Bewohner des
Hauses im Hof grillen, ist sie dabei. Zu Weihnachten und anderen
Anlässen hängt ein Gruß im Hausflur.
Dass
nicht in jedem kleinen Laden so ein Klima herrscht, zeigt der Vergleich.
Es ist auch nicht zu erwarten. Brigitte Seidel ist zu wünschen,
dass ihr Laden auch jenseits von Angebot und Nachfrage, von Konjunktur
und Kaufkraftentwicklung bestehen bleibt. Damit hätte Tante
Emma in der Äußeren Neustadt eine Zukunft.
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