Thema: Stillgelegte Straßenbahnstrecken in der Neustadt

Es führt ein Gleis nach nirgendwo

 
Übersichtsplan mit allen, jemals in der Neustadt vorhandenen Straßenbahnstrecken. Schwarz dargestellt sind die heute noch betriebenen, rot die stillgelegten, und blau die durch eine andere Trassenführung ersetzten Strecken. Die Ziffern bezeichnen die im Text beschriebenen Strecken.

Am auffälligsten sind sie in der Heinrichstraße in der Inneren Neustadt: Über die hier vorhandenen, zu DDR-Zeiten noch erneuerten Gleise fuhr bereits vor über dreißig Jahren die letzte Straßenbahn.

Doch beginnen wir chronologisch: Die Ursache für die ersten Strecken- stillegungen in der Dresdner Neustadt war der 1906 zur "Städtischen Straßenbahn zu Dresden" erfolgte Zusammenschluß der bis dahin konkurrierenden beiden Straßenbahngesellschaften, der 1879 gegründeten Tramways Company of Germany Ltd. (gelbe Gesellschaft) und der seit 1889 existierenden Deutschen Straßenbahngesellschaft in Dresden (rote Gesellschaft). Letztere besaß gemeinhin die besseren Wagen, mußte aber, da auf den meisten Hauptstraßen schon die Gleise des anderen Betreibers lagen, mit den schlechteren Strecken vorlieb nehmen. Um von der Albertbrücke eine Verbindung zur Forststraße und den Kasernen in der Albertstadt herzustellen, wählte die Rote Gesellschaft von der Glacisstraße abzweigend eine Trassenführung über die Melanchthonstraße und Carlstraße (heute Lessingstraße) zur Bautzner Straße (Eröffnung 1892) (1). Eine ursprünglich weiterführende eigenständige und erst weiter östlich in die Bautzner Straße einbindende, etwas abenteuerliche Linienführung über die Holzhofgasse und Löwenstraße war bereits Ende November 1895 aufgegeben worden (1a). Mit der bereits beschriebenen Vereinigung der beiden Straßenbahngesellschaften wurde die Strecke durch die Melanchthonstraße entbehrlich. Schachtarbeiten in der Carlstraße beschleunigten die Stillegung, die am 4. September 1906 erfolgte.

Die nächste Streckenreduzierung in der Dresdner Neustadt erfolgte rationalisierungsbedingt und im Zeichen der Weltwirtschaftskrise. Die zuletzt von der Linie 11 befahrene Verbindung vom Neustädter Bahnhof über die Hainstraße bis zum Palaisplatz (damals Wilhelmplatz) war zum 4. November 1930 aufgegeben worden (2). Die Gleise an der Nordseite des Palaisplatzes lagen dort jedoch noch bis vor wenigen Jahren.

 
Gleisrest im südlichen Teil der Forststraße

Von den Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges direkt betroffen waren zwei Strecken: Der Verkehr auf der durch die Hechtstraße führenden und 1926 noch bis zum St.-Pauli-Friedhof auf eigenem Gleiskörper verlängerten Linie 5 war nach den Bombenangriffen im Februar und März 1945 nicht wieder aufgenommen worden (3). Das Planum ist hier vor allem noch am Hechtpark neben der Straße gut zu erkennen. Auch zur Grenadierkaserne, durch das Preußische Viertel, verkehrte nach Kriegsende keine Bahn mehr (4). Nur ein bis zum Bischofsweg verbliebenes Reststück in der Forststraße diente noch bis zum 11. März 1947 als Endpunkt der Linie 2. Die - größtenteils eingleisige - Trasse läßt sich von der Bautzner Straße bis hinauf zur Marienallee im Straßenpflaster noch recht gut verfolgen.

Die durch die Zerstörung der Elbbrücken unterbrochenen Verbindungen in die Altstadt waren durch Behelfsbrücken recht bald wieder hergestellt worden. Lediglich der unterbliebene Wiederaufbau der Carolabrücke verhinderte für mehrere Jahrzehnte die Wiederaufnahme des Straßenbahnverkehrs durch die Albertstraße.


Ein Straßenbahnzug der damaligen Linie 5 in der Louisenstraße, um 1929
 

Materialeinsparungen waren die Ursache für weitere Streckenstillegungen in der ersten Nachkriegszeit. Die von der Ringlinie 26 befahrene Strecke durch die Glacisstraße - eine Hinterlassenschaft des einstigen Parallelbetriebes der beiden Dresdner Straßenbahngesellschaften - wurde am 14. Januar 1948 zugunsten der nur unwesentlich längeren Linienführung über die Bautzner und Hoyerswerdaer Straße aufgegeben (5). In der Äußeren Neustadt befuhr am 15. Dezember 1948 ein Zug der Linie 13 in nördlicher Richtung letztmalig die Schleife über die Louisenstraße, Kamenzer Straße und den Bischofsweg (6). Seitdem fahren die Straßenbahnen in beiden Richtungen über die noch heute eingleisige Trasse durch die Görlitzer Straße. Die nicht mehr benötigten Gleise und Oberleitungen wurden für die Instandhaltung des übrigen Dresdner Straßenbahnnetzes abgebaut.

Die nächsten Veränderungen betrafen vor allem die Gleisanlagen in der Inneren Neustadt. Im Zusammenhang mit der Umgestaltung der ehemaligen Hauptstraße (nun Straße der Befreiung) zur Fußgängerzone wurden der Straßenbahnverkehr hier, wie auch in der benachbarten Heinrichstraße, ab März bzw. Dezember 1974 stillgelegt (7). Als Ersatz diente die bereits seit 1971 existierende neue Nord-Süd-Verbindung über die neuerbaute Carolabrücke (damals Dr.-Rudolf-Friedrichs-Brücke) und den ausgebauten Straßenzug Albertstraße (Straße der Einheit). Der im Jahre 1977 entlang der Köpckestraße hinzugekommene Lückenschluß zwischen dem Carolaplatz und dem Palaisplatz (Karl-Marx-Platz) komplettierte das heutige innerstädtische Straßenbahnnetz.


Wir danken Herrn Hansel vom Archiv der Dresdner Verkehrsbetriebe für die inhaltliche Unterstützung beim Zustandekommen dieser Veröffentlichung!


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Copyright 2001 Dresden Neustadt Online * Stand: 31.03.2005