|
Der
Mann hinter den Gittern
| |
Ulrich
Schwarzer
|
Dafür,
dass die Geiselnahme in der Dresdner Justizvollzugsanstalt noch
vor seinem Amtsantritt am 1. Februar passiert ist, hat der neue
JVA-Chef Ulrich Schwarzer seinem Vorgänger "schon gedankt".
"So etwas ist eine ganz schreckliche Geschichte", sagt
der Mann, der ansonsten häufig in die Abgründe menschlichen
Handelns blickt. Der aber auch sieht, was sonst in der öffentlichen
Wahrnehmung meist etwas kurz wegkommt: "Die da im Knast",
das sind "nicht irgendwelche finsteren Halbirre", sondern
ganz normale Menschen - ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Die
Zahlen sind dabei seit Jahren relativ konstant. Etwa ein Promille
der Bevölkerung befinden sich nicht auf freiem Fuße,
das wären in Dresden etwa 500. Hier in der Justizvollzugsanstalt
am Hammerweg sitzen etwa 800 Gefangene aus allen Teilen Sachsens
ein, "vom Eierdieb bis zum Mörder". Der neue Chef
vermisst in der Wahrnehmung der Außenstehenden etwas die Differenzierung.
"Natürlich gibt es Menschen, bei denen man sich wünscht,
dass sie nie wieder rauskommen. Doch das ist nur ein ganz geringer
Teil der Leute, mit denen wir hier zu tun haben." Die meisten
dagegen haben nicht mehr Defizite als andere auch. Aber sie haben
die falschen Entscheidungen getroffen. Das ist nicht zu bagatellisieren
und mehr als nur "Pech gehabt". "Aber unter bestimmten
Bedingungen könnte jeder straffällig werden", ist
Ulrich Schwarzer überzeugt, "und das darf man dabei nicht
vergessen".
Gelegenheit,
derartige Muster zu studieren, hatte der 51-jährige Jurist
bisher genug: erst an verschiedenen JVAs in Baden-Württemberg,
bevor er 1991 als Anstaltsleiter nach Chemnitz kam. Nun also Dresden.
Was er sich wünscht? - Für sich selbst "eine ähnlich
spannende und ausgefüllte Zeit wie die 13 Jahre in Chemnitz".
Und von den Dresdnern? "Manchmal auch Verständnis für
die Leute auf der anderen Seite der Mauer." Wird es da bald
einen Tag der offenen Tür am Hammerweg geben? Ja, das kann
er sich vorstellen. Natürlich nur im übertragenen Sinne.
(mi/Neustadt-Zeitung)
Foto: Wolfgang Ebert / Freie Presse
zurück
|