Porträt des Monats: Sabine Jordan

Die "Spanische Botschaft" in der Neustadt

 

Sabine Jordan

Flamenco ist rot. Rot und schwarz. Rot wie das schäumende Blut in den Adern und schwarz wie die Augen der andalusischen Zigeuner. Sie haben ihn gemacht. Vor hunderten von Jahren wurden sie gejagt und verfolgt. Ihre Sehnsucht, ihren Schmerz und ihre Liebe gossen sie in Lieder. Der Gesang ist das Herz des Flamenco. Mit der Musik wird die Seele gereinigt, findet die Klage einen Weg ins Freie. Deshalb kann jedes Lied am Ende einen positiven Ausgang finden. Das Leiden ist überwunden.
Bald wurden die Lieder von den Zuhörenden rhytmisch begleitet, mit den Händen, den Füßen, mit allem, was gerade zur Verfügung stand. Noch später kam der Tanz hinzu. Kaum vorstellbar, bei solchem Ereignis still zu halten.
Im 19. Jahrhundert dann entdeckten gut betuchte Senores und Senoritas den Reiz dieser Gesänge. Die Zigeuner wurden zur kulturellen Umrahmung auf Festlichkeiten geladen. Dabei erst gesellte sich die Gitarre zur Truppe. Von da an ging der Flamenco zwei unterschiedliche Wege.
In den kleinen tablaos, den Kneipen, lebt die ursprüngliche Variante. Man trinkt, raucht und erzählt. Reihum singt jeder seine Geschichte, seine copla, und die anderen begleiten, wie sie halt gerade können.
Gleichzeitig fanden die Musik und der Tanz den Weg auf die Bühnen und liefen zu Höchstform auf. Heute bereisen Companien die großen Bühnen und Festivals der Welt. Für viele Menschen ist dieser Flamenco zum Synonym für Spanien geworden.

Rot und schwarz sind auch die Lieblingsfarben von Sabine Jordan. In der Dresdner Neustadt hat sie ihr Hauptquartier aufgeschlagen, die casita flamenca. An vier Tagen in der Woche klappern hier die Schuhsohlen und rasseln die Kastagnetten. Es ist die einzige Flamenco Schule Sachsens. Etwa 120 Frauen und 10 Männer versuchen hier, sich den Reizen dieser Tanzform zu nähern. Das Publikum ist zwischen 14 und 70. "Mit etwas Geschick kann man nach einem Jahr schon etwas zeigen. Nach drei Jahren hat man eine Basis. Aber fertig wird man sowieso nie." Von hier aus bereist sie ganz Deutschland. Seit über 10 Jahren ist Sabine Jordan dem Flamenco verfallen.
Als Einzelkind wuchs sie in Dresden auf. Mit drei Jahren schon begannen sich ihre Füße zu regen. "Wie im Bilderbuch - ein kleines Mädchen dreht vor dem Radio Pirouetten", schmunzelt sie. "Ich habe dann eine Anzeige in der "Trommel" gelesen, dass die Palucca Schule Kinder sucht. Da habe ich mich heimlich beworben. Ich war vielleicht 10, aber der Traum war da - klassische Ballerina mit Schwanensee und so weiter." Also hat sie das Studium angefangen, in der 5. Klasse. Die Mutter hatte zwar gewarnt, aber letztlich doch mitgespielt.
Mit 19 dann die erste Lektion Marktwirtschaft. Ihr Jahrgang war der Erste, der nicht mehr von Staates wegen vermittelt wurde. Geht mal los und sucht - war die Devise. Sie fand. Ein Jahr tanzte sie für die Landesbühnen Sachsen in Radebeul. Aber irgendwie fehlte was. "Ich wollte immer expressive Formen suchen, Emotionen rauslassen, nicht bloß Operettenwalzer drehen." Mit 20 ist Sabine Jordan freischaffend, macht alles, was ihr unter die Füße kommt. Sie arbeitet mit dem Cellisten Peter Koch oder dem Mimen Rainer König, sie macht Tanzperformences und freie Aktionen mit allen Arten von Künsten und Künstlern und - tanzt Flamenco. Den entscheidenden Schubs erhält sie, als sie in einer Stuttgarter Kneipe dem spanischen Gitarristen Antonio Altrado begegnet. Sie übt, besucht reihenweise workshops und reist im Laufe der Jahre mehrmals monatelang durch Spanien. Einen festen Lehrer hat sie nie.
!998 trifft sie ihren jetzigen Partner. Der ist Lebenskünstler, spielt Blues und verfällt ebenfalls zusehends dem Flamenco. Anno 2000 gründen sie gemeinsam mit weiteren Musikern die Gruppe "blue y rojo" - jazz meets flamenco - und eröffnen ihre Tanzschule.
Wie geht das, wenn der deutsche Bürger Flamenco lernt? "Kein Problem, das Tanzen kann man lernen. Auch in Spanien können das nicht alle. Das ist wie in der Musik, da gibt es auch Japaner, die Mozart spielen." Sie lacht. "Naja, der Gesang sollte schon spanisch sein und gute Gitarristen findet man auch nicht gerade überall. Aber die Deutschen können es gut gebrauchen, mal richtig zu trampeln und sich auszutoben, glaube ich." Auf die deutsche Bürokratie und Planomanie ist sie nicht gut zu sprechen. Ihr Traum: "In Spanien leben." Ihre Lieblingsgenüsse: Steak mit Spinat und Rotwein. Ihre Lieblingsfarbe - wie gesagt - Rot.


Text: Reinhard Seurig
Foto: J. Doschew


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Copyright 2001 Dresden Neustadt Online * Stand: 31.07.2003