Porträt des Monats: Johanna Kalex
Juni 2003

"...wenn überhaupt in Deutschland, dann nur hier"

...möchte Johanna Kalex alt werden. Klar, dass sie die Neustadt meint. "Weil, wenn du zum Bäcker gehst, du schon die ersten drei Bekannten triffst, weil es so ein Kietz ist mitten in der Stadt. Es ist wie auf dem Dorf, nur schöner. Du bist nie alleine." Eigentlich hatte Johanna weder Zeit noch Lust, mit mir zu reden. Personality Shows mag sie gar nicht und außerdem hatte sie noch etwas anderes vor, als der Journalie Interviews zu geben. Ich ließ mir erst mal ein Tonic einschenken und wartete auf die Dinge, die da kommen mögen, dass Johanna doch noch ...Doch zuerst musste Kasse gemacht werden im "Trotzdem". 20 Uhr öffnet der Laden und wie lange es dann geht, weiß keiner zu sagen. Rechnen jedenfalls kann sie, schnell und im Kopf und dabei noch erklären, warum das so und nicht anders ist. Sie bleibt dabei ruhig aber bestimmt, schenkt sich einen Schoppen Sächsischen Weißen ein und wird von Gästen zum Würfelspiel gebeten. Zum Glück verschiebt sie das und fragt, "wie lange brauchst´n?" Sorry, Johanna, ich hab geschwindelt, als ich 10 Minuten sagte, aber das war ´ne Notlüge für einen guten Zweck.

 

Johanna im "Trotzdem"

"Wie mein Tag so ist, wie bei jedem anderen, nur ein wenig versetzt. Ich komme nie vor zwei zur Ruhe und stehe so gegen 11 Uhr auf. Gastronomie gelernt, nein, ich bin Krankenschwester. Ich hab schon immer Leute versorgt. Das Trotzdem habe ich seit 2000. Das erste Jahr war anstrengend wegen der vielen Umbauten, aber jetzt ist es okay. Du kannst das auch machen. Zuerst kommt die Idee, dann die Lebensmittelschulung, dann Konzession beantragen und, klar, auch Fördergelder. "Trotzdem"? Trotz wessen? "Der Name stand schon vorher fest. Ich kam nach einem Jahr aus Indien zurück und hab mich auf dem Sozialamt gemeldet. Alle sprachen davon, ich sollte mir eine Arbeit suchen und du glaubst es nicht, mir ist ein Traumjob angeboten worden. Ich hätte Kamerafrau werden können und brauchte nur noch eine Weiterbildung. Wegen ein paar Monaten war ich zu alt.... und trotzdem... geht es weiter, ist die Neustadt klasse, ist das Leben schön, was du willst. Deshalb "Trotzdem", ist ja wohl logisch, dass du keine 20 mehr bist, wenn du vier Kinder groß gezogen hast." Johannas Kinder sind zwischen 20 und 13, gehen zur Uni, zur Schule oder arbeiten. "Mit der Kneipe ist das schon okay. Für Freizeit und Hobbys bleibt da sicher keine Zeit mehr? "Heute war ich sogar stundenlang mit meinen Hunden spazieren, wer kann sich so etwas schon leisten am Mittwoch Nachmittag. Ansonsten fotografiere ich sehr gern. Da geht mein ganzes Geld drauf. Jetzt brauche ich schon wieder ein neues Objektiv. Ich versuche gerade eine Ausstellung zu organisieren. Nee, nicht in der Kneipe. Ich mache skurrile Aktfotos, da braucht man schon einen extra Raum, wo die Leute ganz bewusst hingehen. Meine Freunde sagen öfter, die Bilder wären gut aber ich weiß noch nicht, wo ich sie mal zeigen werde." BRN? "Auf jeden Fall, weil sie einfach hierher gehört. Ich kenne die Bunte Republik von Anfang an, wohne ja auch schon seit zig Jahren hier. Wir versuchen jetzt als Einzelveranstalter vom Commerz weg zu kommen, weil es dann bunter ist. Im Vorbereitungskreis bin ich das zweite Jahr, aber gerade was das Deeskalationsprogramm betrifft, haben wir sehr unterschiedliche Meinungen. Ich würde gänzlich auf Polizei verzichten. Meine Meinung ist, wer hier alleine wohnt und arbeitet, darf auch alleine feiern und sauber machen. Ich habe selbst vor meinem Laden geputzt, so sauber war es das ganze Jahr nicht mehr. Vielleicht ist das auch eine Utopie, aber ich meine, wir könnten alles selber machen, bräuchten dafür kein Geld und müssten auch keine Kompromisse machen. Ich hätte gern eine BRN ohne Stadt. Es kommt doch sonst auch mal vor, dass ein Gast mit dem Ascher nach der Kellnerin wirft, damit werde ich schon fertig, aber die Anwesenheit von so vielen Polizisten provoziert. Und all unsere Gedanken und geschriebenen Sachen werden ignoriert. Das ist verdammt schade. Wir sind doch keine Exotentruppe. Und mal ehrlich, Silvester wird´s auch länger laut. Wenn da einer bei der Polizei anruft wegen Ruhestörung, heißt es auch, es ist Silvester. Dieses eine Wochenende muss doch drin sein. Und Veranstaltungen bis 21 Uhr zuzulassen, da stehen die meisten doch noch vorm Spiegel, das ist doch albern." Angst vor Randale? "Nein ich hab keine Angst, ich will´s nicht haben, das ist der Punkt und rund ums Jahr geht´s ja auch. Wegziehen aus der Neustadt? "Niemals, wenn ich überhaupt in Deutschland alt werde, dann nur hier."

Text + Bild: Rosa Hauch


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Copyright 2001 Dresden Neustadt Online * Stand: 01.06.2003