Porträt des Monats: Christiane Mennicke
Mai 2003

Viel Himmel über Dresden

 

Christiane Mennicke

Am Anfang stand die Frage: Wie entsteht Gegenwartskunst? Auf den Erkenntnis-Schock über die oft unglaubliche Alltäglichkeit des modernen Kunstschaffens folgte Neugier, dann die ersten eigenen Gehversuche als Kuratorin in Berlin und Hamburg. Heute bezeichnet sie sich selbst als Überzeugungstäterin - Christiane Mennicke, Jahrgang 69, freischaffende Kuratorin, Kunsthistorikerin und seit Anfang April neue Chefin im Kunsthaus Dresden.

"Windstöße", so der Titel ihrer ersten Ausstellung, die ab 22. Mai in den Räumen des Kunsthauses zu erleben ist. Für die gebürtige Hamburgerin nicht der erste Versuch, das Dresdner Publikum zu gewinnen. 2002 setzte Kuratorin Mennicke mit dem mobilen Ausstellungsprojekt "Info Offspring Kiosk" deutliche Akzente. Der Dresdenaufenthalt hinterlies seine Spuren, auch bei Mennicke. Dresden sei eine der Städte, die auf ihrer Wahlheimat-Wunschliste weit oben stünden, sagt sie. Harald Kunde, langjähriger Kunsthausleiter wechselte ins Aachener Ludwig Forum, Christiane Mennicke füllte das Vakuum der städtischen Galerie.

Am meisten gefalle ihr an der Elbestadt, dass man hier so viel Himmel sehen könne. Viel Platz gebe es, offene Räume und ein unmittelbares Nebeneinander von Moderne und historischen Bauten - beste Bedingungen zum Atmen und Durchlüften. Geradezu programmatisch dafür steht auch "Windstöße", mit denen Christiane Mennicke die Türen des Kunsthauses erneut aufstoßen möchte. Das Haus in der Rähnitzgasse sei nicht nur etwas "Ummauertes", sondern vielmehr ein Stätte, die von Arbeit und Leben erzählen könne. Und von diesem Ort ausgehend, stellt sich die Kunsthausleiterin den Weg hinaus in die Stadt vor. Wichtig sei ihr die Auseinandersetzung mit stadtberührenden Themen. Jedoch sollten sich Projekte nicht auf Dresden verengen, sondern von der Stadt ausgehend zu generellen Diskussionen und Rückschlüssen führen, die auch anderswo ihre Gültigkeit besitzen können.

Ob die Dresdner und die Besucher der Stadt dem Ansinnen Mennickes
folgen werden, kann spätestens an dem am vergangenen Mittwoch mit "Public Sampler - Projektion I" eröffneten Gemeinschaftsprojekt "Dresden
Postplatz" ermessen werden, das von Mai bis Oktober dieses Jahres in
fünf Teilprojekten mit Filmen, Vorträgen und Workshops am Postplatz
neue Wege einschlägt. Zentrale Frage dabei: Welche Folgen haben die
verschiedenen Faktoren wie beispielsweise Mobilität, Architektur oder Denkmalpflege, die unser Leben in der Stadt und die Nutzung öffentlicher Räume bestimmen?

Wichtiges Anliegen der Arbeit Mennickes ist die Kunstvermittlung. Ausstellungskonzeptionen sind erst dann gut, wenn sie in der Lage sind, zu vermitteln, so die 33-jährige. Ihre documenta-Mitarbeit 1997 habe ihr auch in dieser Hinsicht das nötige Rüstzeug verpasst. Novum der Ausstellung "Windstöße" wird eine Videoarbeit zweier isländischer Künstlerinnen sein, die gezielt für Kinder erdacht wurde. Mennicke wagt damit einen Vorstoß in Tabu-Zonen, die ihrer Ansicht nach aufgebrochen werden sollten. Zeitgenössische Kunst sei für viele Erwachsene etwas Elitäres und Unverständliches, dem man aber mit gezieltem Heranführen bereits im Schulalter begegnen könne. In Zukunft soll es im Kunsthaus noch weitere solcher Projekte geben, denn eine ihrer Aufgaben sieht Christiane Mennicke darin, neue Impulse in die Dresdner Kunstlandschaft hinein zu tragen, und nicht Bestehendes nur zu bestätigen. Ideal sei, wenn bei Betrachtung eines Kunstwerk im Kopf etwas "Neues" entstehe. Das zu erreichen, sei nicht einfach. Für Mennicke wohl der Lebensmotor. So bleibt es immer wieder spannend, wie eine Ausstellung oder ein Kunstwerk auf den Betrachter wirke. Eine Ausstellung zu kuratieren, sei eben nie ein Job auf sicherer Seite.

Text + Bild: Michael Matthes


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Copyright 2001 Dresden Neustadt Online * Stand: 07.05.2003