Thema: Neustädter Mordgeschichten

Vor dem Schwarzen Thore ...

 
Das Grabmal Gerhard von Kügelgens auf dem Alten Katholischen Friedhof in der Friedrichstadt

Gerhard von Kügelgen war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einer der bekanntesten Dresdner Porträtmaler. Der künstlerische Erfolg gestattete es ihm, neben seiner Wohnung in dem Haus "Gottessegen" (das heutige Museum der Dresdner Frühromantik auf der Hauptstraße) seit 1819 auch ein Grundstück an den Loschwitzer Elbhängen zu besitzen. Am Abend des 27. März 1820 machte er sich von dort zu Fuß auf den Rückweg zu seiner Stadtwohnung. Dort kam er jedoch nie an. Sein Sohn, der später ebenfalls als Maler und Schriftsteller bekannt gewordene Wilhelm Kügelgen, machte sich am nächsten Tag mit polizeilicher Unterstützung auf die Suche nach dem Verschwundenen. In der Gegend vor dem Schwarzen Tor fand er die Leiche des Vaters am Rande der Landstraße nach Bautzen, etwa in Höhe des Marcolinischen Vorwerks an der Einmündung der heutigen Jägerstraße in die Bautzner Straße. Der Körper war teilweise entkleidet und wies deutliche Anzeichen eines gewaltsamen Todes auf.

Aufgrund der Popularität Gerhard von Kügelgens wurde eine Fahndungsliste mit den vermißten Kleidungsstücken und weiteren, dem Opfer zugehörigen Gegenständen, veröffentlicht. Der Erfolg stellte sich recht bald ein. Eine Gruppe von Händlern meldete sich wegen der vermißten Uhr, die von einem Unterkanonier namens Fischer angeboten worden war. Bei einer Gegenüberstellung mit dem in der Neustädter Kaserne stationierten und inzwischen festgenommenen Soldaten konnte dieser jedoch nicht wiedererkannt werden. Dennoch gestand er die Tat. Da aber inzwischen ein weiteres Bekleidungsstück des Ermordeten von einem anderen Verkäufer namens Kaltofen aufgetaucht war, bestanden Zweifel an dem Geständnis des vermeintlichen Täters. Denn auch Kaltofen, ebenfalls Unterkanonier und in der Neustädter Garnison beheimatet, nahm die Schuld auf sich. Dem Engagement des Dresdner Anwalts Dr. Eisenstuck ist es zu verdanken, dass der Verdacht von Fischer abgewendet und gleichzeitig dessen Nötigung zum Geständnis nachgewiesen wurde. Denn obwohl die Folter in Sachsen bereits seit 1770 formell als abgeschafft galt, wurde sie auch danach bei Verhören immer wieder angewendet.

Die Untersuchung ergab schließlich, dass der Unterkanonier Kaltofen einwandfrei der Täter war, der, unter permanenter Geldnot handelnd und um den Verdacht von sich abzulenken, den Namen seines Kameraden Fischer beim Verkauf der erbeuteten Gegenstände angab. Am 11. Juli 1821 wurde Kaltofen auf dem Altmarkt hingerichtet. Fischer ist ein Jahr später ehrenhaft aus der Armee entlassen worden.


Dieser Beitrag beruht auf Informationen aus dem "Dresdner Pitaval" von Willy Forner.

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Copyright 2001 Dresden Neustadt Online * Stand: 23.07.2004