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Zu
Hause bei Josef K.
von
Hans Ruben
Am
19. März erinnert uns der Kalender wieder an den Todestag von
Josef Ignacy Kraszewski vor 116 Jahren. Der polnische Dichter und
Historiker aber auch der Flüchtling, Emigrant und Ausländer
fand 21 Jahre Sicherheit und Schreib- und Lebensbedingungen in Dresden,
ab März 1873 im eigenen Haus auf der Nordstraße 28. Wer
erfahren hat, dass der uns so vertraute Autor von "Gräfin
Cosel" und "Brühl" 346 Werke seinen Verlegern
und Lesern fertig vorlegte, will mehr über seinen Tagesablauf
erfahren.
Da
sollten wir bei einem seiner Biographen, S. von Bohdanowicz, nachfragen,
der uns folgendes antwortet:
Er steht um acht Uhr auf, durchsieht die Zeitschriften, die neu
erschienenen Bücher in allen Sprachen und fertigt seine ausgebreitete
Correspondenz ab. Er pflegt die Zeit bis zwölf Uhr mit Malen
auszufüllen. Bis halb zwei hat er gewöhnlich Besuch. Um
halb zwei wird ihm das Mittagessen serviert. Ein Glas guten Weines
ist ihm Bedürfnis. Nach Tische pflegt er sich mit Altertümern
und mit seinen Kunstgegenständen zu beschäftigen oder
zu musicieren. Dann macht er eine Stunde eine Ausfahrt. Um vier
Uhr ist er gewöhnlich schon zu Hause und begibt sich an die
Arbeit, dann wünscht er ungestört zu sein! Von vier Uhr
an arbeitet und schreibt er gewöhnlich ohne Unterbrechung bis
zwei und drei Uhr in die Nacht hinein!
Wir
Verehrer hören und lesen es wieder einmal: Genie ist Fleiß!
Dabei trug das Genie zwei schwere Sorgenpakete auf den Schultern.
Zum einen die Tragödie seiner Ausweisung und Flucht aus Polen,
zum anderen den schweren familiären Schicksalsschlag, den Tod
seiner 32-jährigen Tochter Konstance. Diese war, aus der Verbannung
in Sibirien nach Dresden zum Vater kommend, bei einem Schlittenunfall
1870 bei Irkutsk tödlich verunglückt. Drei Enkelkinder
mussten von Fremden nach Warschau zur Großmutter Sophie, Josefs
Ehefrau, gebracht werden.
Wenn
Kraszewski hier in der Nordstraße am Schreibtisch Platz nimmt,
ist alles im Haus gerichtet und vorbereitet für die Schaffensphase
des Tages. Der Korb mit dem Imbiß nahe und griffbereit, die
Getränke aufgetischt, die Lampe gefüllt, die Kerzen aufgereiht,
die Temperatur wie gewünscht. Da öffnet sich die Tür,
die Vertraute und Gefährtin, die Dresdner Witwe Flora Heinitz,
geb. Schneider, erscheint. Sie, die die Wärme im Haus verbreitet,
legt Josef eine von ihr selbst gefertigte Strickjacke über
die Schulter und fragt leise: "Ist alles ausreichend, mein
Lieber?" "Tak, tak", antwortet er unbewußt
auf polnisch und "es ist ahles gutt" mit Akzent, und er
fügt das polnische "herzlichen Dank", das "serdecznie
dziekuje" hinzu. Diese Worte empfindet die Sächsin Flora
H. (eine hiesige Christiane Vulpius?) als Belohnung für die
umsichtige Fürsorge am Tag. Schon steht sie wieder an der Tür,
ein Blick noch in Josefs Augen, ein kurzes Winken mit der Hand,
dann ist die Muse entschwunden. Der
Meister aber befindet sich nun in seinem Element. "Das Spiel
kann beginnen!" - er taucht die Feder ein und schreibt die
erste Zeile des neuen Kapitels.
Das
Kraszewski-Museum ist nach Beseitigung der Schäden, die es
beim Hochwasser im August 2002 davon getragen hat, seit dem 1. März
wieder geöffnet. - Nordstraße 28, jeweils von Mittwoch
bis Sonntag, 10:00-18:00.
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