Thema: Ehemaliges "Dresdner Arbeitshaus"

Als Wehrkreiskommando der NVA auch zu DDR-Zeiten eine ungeliebte Adresse: das einstige "Dresdner Arbeitshaus" in der Königsbrücker Straße 119.
 

Arbeit statt Almosen

Im Dresdner Stadtlexikon von 1994 findet sich unter dem Stichwort "Königsbrücker Straße" folgender Vermerk: "Oberhalb der heutigen Stauffenbergallee errichtete die Stadt 1876/78 die Arbeitsanstalt, neben der die bekannte Gaststätte 'Lindengarten' steht." Nun ist inzwischen auch der legendäre "Liga" kein Platz mehr für Tanzvergnügungen der Neustädter. Aber auch wer sich daran erinnern kann, wird kaum wissen, dass das einst unterhalb des Lokals befindliche Wehrkeiskommando der NVA (Königsbrücker Straße 119) früher einmal das Dresdner Arbeitshaus war. Ins Gespräch ist die Geschichte gekommen, weil sich derzeit eine Initiative um die Einrichtung eines Sozialen Zentrums in diesem Gebäude bemüht.

Bis 1880 war Dresden in 39 Armendistrikte gegliedert. Jeder Distrikt verfügte über einen Armenvorsteher, der wiederum Gehilfen hatte. Die Not war groß: Mehr als die Hälfte der Dresdner Bevölkerung lebte 1874 unter oder am Existenzminimum. Ab 1880 wurde nach dem so genannten Elberfelder Vorbild eine neue "Ortsarmenverordnung" erlassen. 400 Bürger waren nun nebenamtlich als Armenpfleger für 2.000 unterstützungsbedürftige Dresdner zuständig. Ein führender Sozialreformer und besonders mit der Armutsproblematik befasst war in dieser Zeit Viktor Böhmert, der gleichzeitig als Professor für Nationalökonomie und Statistik am Dresdner Polytechnikum lehrte und als Direktor des "Königlich Sächsischen Statistischen Bureaus" fungierte.

Böhmert führte den Vorsitz im "Verein gegen Armennot und Bettelei" in Dresden, der unter der Maßgabe "Arbeit statt Almosen" armen Jugendlichen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben versucht. Allerdings lebten nicht alle Stadtarmen in Freiheit - "arbeitsscheue, sich herumtreibende Personen" beiderlei Geschlechts an die Arbeit wieder heran zu führen, aber auch Obdachlosen Unterkünfte zu geben und gleichzeitig ihre Arbeitskraft zu nutzen, war die Aufgabe der Arbeitshäuser. Das erste dieser Art wurde 1555 in London betrieben, und 1691 schließlich hatte Sachsen in Leipzig sein erstes Arbeitshaus, in dem damals freilich auch geistig Behinderte neben den so genannten "Arbeitsscheuen" untergebracht waren. Die Zucht war streng. Neuankömmlingen, die meist zwangseingewiesen wurden, wurde zur Begrüßung ein "Willkomm" verabreicht: eine Tracht Prügel. Dies war so bis 1845 in Arbeitshäusern üblich, auf der Königsbrücker hat es solche barbarischen Sitten nicht mehr gegeben. Dort wurden von den "Detinierten", wie man die Insassen nannte, Armensärge gezimmert, Tüten geklebt, gewaschen und Bohnen sortiert. Frauen sollten durch Arbeit den eigenen Lebensunterhalt verdienen anstatt zu betteln oder sich zu prostituieren. Natürlich wurde auch fleißig gebetet, eine Kapelle gehörte zu dem Komplex.

Der Chef des Hauses war oft ein Soldat im Ruhestand, dem allerdings selbst eingeschärft wurde, einen züchtigen Lebenswandel zu führen. Die Erfolgsquote der Arbeitshäuser entsprach in etwa der der heutigen Haftanstalten: Ca. 50 Prozent derer, die dort einmal einsaßen, landeten später wieder dort. Briefabschriften in Akten verdeutlichen, dass die Insassen mit der Behandlung und mit dem Essen meist zufrieden waren. Einige kamen für Monate, manche für Jahre ins Arbeitshaus, und nicht alle wurden zwangsweise eingewiesen. Es gab auch freiwillige "Detinierte". 1922 schließlich wurde das Arbeitshaus auf der Königsbrücker Straße 119 geschlossen. In Deutschland gab es die Einrichtung "Arbeitshaus" weit über 250 Jahre, erst 1974 verschwand es aus dem Sozialrecht.

Weitere Infos unter www.soziales-zentrum-dresden.de


Text: Ralf Richter


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Copyright 2001 Dresden Neustadt Online * Stand: 01.08.2005