Thema: Das 600-jährige Stadtjubiläum von Altendresden

Der kleinen Schwester Geburtstag

Altendresden, die heutige Innere Neustadt, feiert 600-jähriges Bestehen


Blick von Altendresden über die Elbe: Ansicht aus dem 17. Jahrhundert

Man muss sich weit in die Stadtgeschichte hineinwagen, um Einzelheiten aus dem Kindesalter unserer Jubilarin "Altendresden" zu erfahren. Zunächst entdecken wir, dass in frühester Vorzeit hier im Elbbogen zwei unterschiedlich große Siedlungen gegenüberliegen, die schon bald eine völlig gegensätzliche Entwicklung durchlaufen.

Der größere Siedlungskern, das Gelände um das heutige Königsschloss, wurde als erster von einer befestigten, schützenden Anlage umgeben und schon bald ? nämlich 1206 ? von Markgraf Dietrich mit allen Attributen zur Stadt Dresden ernannt. Das kleine, gegenüber gelegene Altendresden aber blieb noch lange ein freiliegendes Dorf am Fluss, nur von einem Graben abgegrenzt und damit äußerst gefährdet. Dabei wurde die Siedlung fast völlig vom Forst, dem riesigen Jagdgebiet, eingeschlossen und alle Höfe waren selbstverständlich zu lästigen Jagdfron verpflichtet.

Nur langsam näherten sich beide Ortsteile, denn mit dem Fährverkehr und mit der bald folgenden Brückenverbindung entwickelte sich das Markttreiben. Auf der Höhe der uralten Meissnischen Gasse und dem schon lebhaften Kohlmarkt (auf dem die begehrte Holzkohle angeboten wurde) war unser Altendresden zu finden, als Markgraf Wilhelm I. der ärmlichen Dorfgemeinde 1403 das Stadtrecht verlieh. Ein stolzer Hirsch stand im Mittelpunkt des Wappens, das schon bald einen Ort mit einem Augustinerkloster und mit einer Dreifaltigkeitskirche repräsentierte. Sogar die kleine Erasmuskapelle in der Nähe des späteren "Weißen Tores" an der alten "Lämmerbrücke" bot schon den Elbschiffern Gelegenheit zu stiller Andacht.

Aber nicht lange währte die ungestörte Entfaltung der jungen Stadt, in der man nun "Handel treiben, brauen, backen, Wein, Bier und Met ausschenken durfte, allerlei Handwerke haben und gründen konnte!"

1429 brachen gewalttätige Hussiten unter dem Kommando des grausamen Procopius ins Elbtal ein und plünderten, brandschatzten und zerstörten erbarmungslos die wehrlose kleine Stadt.

Als Kurfürst Moritz 100 Jahre später endlich den Bau von ersten Wehranlagen veranlasste, befand sich auf dem heutigen Neustädter Markt aber schon ein ansehnliches Rathaus und eine selbstbewusste Bürgergemeinde erstritt sich hartnäckig und unnachgiebig ihre Rechte gegenüber der großen, immer wieder selbstherrlich taktierenden Nachbarstadt.

Da entschloss sich Kurfürst Moritz, alle Händel und Zwistigkeiten, die bisher ein Ausschuss kurfürstlicher Räte schlichten musste, wie einen "Gordischen Knoten" zu lösen, das quälende Problem wie mit einem Säbelhieb zu erledigen. Mit einer strengen Verfügung ordnete er die sofortig Vereinigung beider Elbstädte an. Das bedeutete zunächst Öl ins Feuer der Altendresdener. Obwohl Bürgermeister Wolff Fischer mit seinem Stadtschreiber unverzüglich beim gerade in Torgau ansässigen Hof protestierte ? sie handelten sich dafür eine siebenwöchige Haft im Turm von Schweinitz ein ? erlosch die Selbstständigkeit Altendresdens. Das würdevolle Stadtwappen, der Hirsch mit hohem Zehn-Ender-Geweih, verlor seine Legalität.

Als am 02.04.1549, 1.00 Uhr mittags der Rat und die Bürgerschaft von Altendresden ins große Rathaus zitiert wurden, um die Verordnung des Kurfürsten anzuerkennen, hatte der Löwe, das Wappentier der Stadt Dresden, auch die Herrschaft über Altendresden übernommen. Bürgermeister Wolff Fischer und sein Stellvertreter, Nickel Mader, vertraten von nun an ihren Stadtteil in der kurfürstlichen Landeshauptstadt.

Unter Kurfürst Johann Georg I. begannen endlich die Schutzmaßnahmen für die freiliegende Stadt. Starke Schanzen und vier Bollwerke ließ er anlegen. Die vier noch heute oft erwähnten Stadttore entstanden in dieser Zeit, so das Lausitzer Tor, auch das Schwarze Tor genannt, das Meissnische (Weiße) Tor, das Jägertor nach der Elbe zu und das Tor an der Brücke mit dem so genannten "Schönen Tor".

Im Sommer 1685 traf die Stadt erneut ein schwerer Schicksalsschlag. Niemand konnte sich vorstellen, dass sich im Inneren der nur nicht mehr schutzlosen Ortschaft ein Unheil entzünden würde. Und doch geriet im Haus des Tischlers Tobias Edler ? vermutlich dem überforderten Kindermädchen ? ein Funke außer Kontrolle. In wenigen Minuten stand das Haus und sofort auch die Stadt in Flammen, vernichtete Dreikönigskirche, Holzhof, Schule und hinterließ 338 Brandstellen. Die Altendresdener, die am Tag in Moritzburg eine Hofjagd miterlebt hatten, standen am Abend entsetzt vor den qualmenden Resten der Brandkatastrophe.

Unter dieser Tragödie litt die Stadt jahrelang. August der Starke nutzte die Situation, um eine Stadt ganz nach seiner Fasson zu errichten. Klengel, Wackerbarth und Pöppelmann hießen die Baumeister, die nun die Barockstadt, die "Neue Königsstadt bei Dresden" entstehen ließen. Auch wir bewundern die Antiquitäten und und gratulieren herzlich der 600 Jahre alten "Dame" Altendresden zu ihrem Jubiläum.

Text + Repro: Hans Ruben


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Copyright 2001 Dresden Neustadt Online * Stand: 14.12.2003